Nach den vielen Fahrten und Wanderungen der vergangenen Tage stand heute nur ein Programmpunkt auf dem Plan: das Village historique acadien de la Nouvelle-Écosse, ein Museumsdorf, das das Leben der Acadier im 19. und frühen 20. Jahrhundert zeigt.
Die Geschichte der Region reicht jedoch deutlich weiter zurück. Französische Siedler lebten bereits seit dem 17. Jahrhundert in dieser Gegend. Hier gründete Baron L’Entremont die erste offizielle Baronie Akadiens. Wie viele andere Acadiers wurden auch die Menschen dieser Region während der Deportationen ab 1755 vertrieben. Anders als die Acadiers von Grand-Pré konnten jedoch viele Familien später in ihre angestammte Heimat zurückkehren. Noch heute trägt hier angeblich jeder vierte Einwohner den Nachnamen L’Entremont.
Schon beim Betreten des Museumsdorfes wurden wir von einem verführerischen Duft aus dem angeschlossenen Café begrüßt. Die Versuchung war groß, aber das musste warten. Zuerst wollten wir das Dorf erkunden.
Gleich am Eingang stand ein kleiner Unterstand, in dem sich eine Kuh mit ihrem Kalb vor den Besuchern versteckte. Emma und Leo schauten nur neugierig aus ihrem Unterstand hervor und beobachteten das Geschehen.
Unser erster Halt war eines der Wohnhäuser. Dort empfing uns eine freundliche Dame in historischer Kleidung mit frisch gebackenen Keksen nach einem alten Rezept. Sie erinnerten geschmacklich ein wenig an Spekulatius und waren ausgesprochen lecker. Natürlich fragte ich sofort nach dem Rezept. Zu meiner Freude versprach sie mir eine Kopie für später.
Zunächst erzählte sie uns jedoch ausführlich vom Leben der Familien, die einst in diesem Haus wohnten. Mehr als zwanzig Menschen, Erwachsene und Kinder, lebten hier unter einem Dach. Heute kaum vorstellbar.
Anschließend schauten wir in der kleinen Poststation vorbei und gingen danach weiter zur Schmiede. Der Schmied erklärte uns anschaulich sein Handwerk und welche Gegenstände früher in einer Dorfschmiede hergestellt wurden. Während wir zuhörten, schmiedete er einen Nagel und versah den Kopf mit unseren Initialen. Ein schönes und sehr persönliches Andenken.
Danach besichtigten wir ein weiteres Wohnhaus, das deutlich kleiner war als das erste. Auch hier wurde uns das Leben der damaligen Bewohner ausführlich erläutert. Genau das machte den Reiz des Museumsdorfes aus: Überall traf man Menschen, die nicht nur etwas vorführten, sondern die Geschichte lebendig werden ließen.
Weiter ging es zum Bootsbauer. Dort erfuhren wir, wie die verschiedenen traditionellen Boote der Acadier gebaut wurden und welche Techniken dabei verwendet wurden. Man konnte sich gut vorstellen, wie wichtig diese Boote für die Fischerei und den Alltag gewesen sein mussten.
Mittlerweile meldete sich der Hunger, also machten wir uns auf den Weg zurück zum Café. Leider waren wir etwas zu spät. Sämtliche Speisen waren bereits ausverkauft. So blieb es bei einem kühlen Getränk und einem netten Gespräch mit den drei Damen hinter dem Tresen.
Als wir wieder hinausgingen, bemerkten wir, dass Emma und Leo inzwischen ihren Unterstand verlassen hatten. Kurz darauf kam ein Mitarbeiter mit einem Handkarren vorbei und brachte den beiden ein kleines Leckerli in Form von Mais und Kraftfutter. Wir kamen ins Gespräch. Er erzählte uns, dass er gleich noch einige Küchenreste für die Schweine holen würde, die in einem anderen Teil des Dorfes untergebracht waren. Später stellte sich heraus, dass der freundliche Herr eigentlich der Radmacher des Dorfes war.
Wir gingen anschließend zurück in Richtung Küste, wo hinter dem Bootsbauer der Fischer auf Besucher wartete. Er berichtete vom Hummerfang, zeigte, wie Netze geknüpft werden, und erzählte allerlei Wissenswertes über die Fischerei. Übrigens trug auch er den Nachnamen L’Entremont. Die Familiengeschichte der Region lebt hier tatsächlich bis heute weiter.
Neben dem Steg lag ein Boot am Wasser, ein weiteres ruhte im Schlick. Gleich daneben wurde in einem kleinen Gebäude Fisch verarbeitet und durch Salzen und Trocknen haltbar gemacht. Wir erfuhren, wie der Fisch früher in kleinen Holzkisten verkauft wurde. Solche Kisten sind übrigens bis heute beliebt und dienen oft zur Aufbewahrung aller möglichen Dinge. Natürlich durften wir auch ein kleines Stück des getrockneten Fisches probieren.
Danach spazierten wir noch zum kleinen Leuchtturm, der selbstverständlich zu einem Fischerdorf dazugehört.
Unser letzter größerer Halt war schließlich beim Radmacher. Er erklärte ausführlich den Aufbau von Wagenrädern und die Unterschiede zwischen den Rädern von Kutschen und denen schwerer Ochsenkarren. Im Grunde waren beide ähnlich aufgebaut, doch die Räder der Ochsenkarren mussten wesentlich robuster sein, da sie deutlich größere Lasten transportierten. Überhaupt spielten Pferde bei den Acadiern nur eine vergleichsweise kleine Rolle. Ochsen waren für viele Aufgaben einfach praktischer und zuverlässiger.
Mittlerweile war es schon nach 16 Uhr, und wir gehörten fast zu den letzten Besuchern des Tages. Also statteten wir noch den Schweinen einen kurzen Besuch ab und machten uns dann auf den Weg zum Ausgang.
Unser Fazit: ein ausgesprochen interessantes Museumsdorf mit engagierten Mitarbeitern, spannenden Vorführungen und vielen Möglichkeiten, ins Gespräch zu kommen. Wer sich für die Geschichte der Acadier interessiert, sollte sich einen Besuch auf keinen Fall entgehen lassen.
Auf dem Rückweg legten wir noch einen kurzen Stopp bei Dennis Wharf ein, das nur wenige Kilometer entfernt liegt. Ein paar Fotos später ging es zurück zum Campingplatz.
Dort wartete am Abend ein weiteres Nova-Scotia-Erlebnis auf uns: unser erstes Bingo-Spiel. Zum Glück setzte sich eine erfahrene Bingospielerin mit an unseren Tisch und erklärte uns geduldig die verschiedenen Spielvarianten und Regeln. Gewonnen haben wir zwar nichts, aber wir hatten jede Menge Spaß. Und genau so sollte es doch sein.
Ohne Lagerfeuer, aber mit vielen schönen Eindrücken vom Tag, ließen wir den Abend schließlich gemütlich ausklingen.

















































