Nova Scotia 2026 – Tag 20

Am Morgen war vom stürmischen Wetter des Vortages kaum noch etwas übrig. Die Sonne schien, der Himmel zeigte sich freundlich, und das Meer lag ruhig vor der Küste. Es war kaum zu glauben, dass hier nur einen Tag zuvor noch gewaltige Wellen gegen die Felsen gepeitscht waren.

Nach dem Frühstück fuhren wir deshalb noch einmal in den Cape-Breton-Highlands-Nationalpark zurück. Einige der Aussichtspunkte, die uns am Vortag besonders gut gefallen hatten, wollten wir bei besseren Wetterbedingungen noch einmal erleben. Die Landschaft wirkte völlig verändert. Wo gestern Wind und Gischt die Szenerie beherrscht hatten, lag der Ozean nun fast spiegelglatt vor uns. Es war dieselbe Küste, sah aber aus wie eine völlig andere Welt.

Anschließend machten wir uns auf den Weg zu unserem nächsten Etappenziel. Ein kurzer Halt am Besucherzentrum sollte eigentlich dazu dienen, noch einmal das WLAN zu nutzen. Leider blieb dieser Plan erfolglos. Also wurde kurzerhand der eigene Hotspot aktiviert und nach einem Campingplatz in der Nähe von Sydney gesucht. Die Wahl fiel schließlich auf den KOA Seal Island Campground, der für die kommende Nacht unser Zuhause werden sollte.

Bevor es jedoch dorthin ging, stand noch eine kleine Attraktion auf dem Programm. Nur wenige Kilometer entfernt befindet sich die Atlantic Gondola. Im Winter ein Skigebiet, im Sommer ein Aussichtspunkt mit herrlichem Blick über die Küste von Ingonish.

Die Fahrt mit der Gondel dauerte nur wenige Minuten. Zwar waren lediglich rund 300 Höhenmeter zu überwinden, doch die Aussicht wurde mit jedem Meter besser. Oben angekommen bot sich ein fantastischer Blick über die Bucht von Ingonish Beach. Bei dem sonnigen Wetter präsentierte sich die Küste von ihrer besten Seite.

Nachdem wir die Aussicht ausgiebig genossen hatten, zog es uns zur kleinen Minigolfanlage auf dem Berg. Die acht Bahnen waren zwar nicht überall perfekt eben, aber genau das machte einen Teil ihres Charmes aus. Aus einer geplanten Runde wurden schließlich zwei, und nach spannendem Verlauf endete das Duell mit einem gerechten Unentschieden.

Zur Feier des ausgeglichenen Ergebnisses kehrten wir noch einmal zum Aussichtspunkt zurück. Dort gönnte ich mir einen Cranberry Cider und genoss ein letztes Mal den Blick über die Küste. Inzwischen hatten sich allerdings einige Wolken vor die Sonne geschoben, und der Wind wurde wieder etwas frischer. Zeit also, die Gondel bergab zu nehmen.

Nun machten wir uns auf die Suche nach einem schönen Platz für ein verspätetes Mittagessen. Den hatten wir tatsächlich gefunden, bemerkten ihn allerdings erst im Vorbeifahren. Es handelte sich nicht um einen offiziellen Aussichtspunkt, sondern lediglich um einen kleinen Schotterplatz direkt an der Straße. Gerade deshalb war er vielleicht so besonders. Vor uns lagen der Atlantik, die zerklüftete Küste und jede Menge Ruhe. Ein perfekter Ort für eine Pause.

Gestärkt setzten wir unsere Fahrt fort. Für die weitere Strecke hatten wir eigentlich die kleine Fähre bei Englishtown eingeplant. Als wir jedoch auf die Fähre fahren wollten, trat der Fährmann an Harvey heran, betrachtete unser Wohnmobil aufmerksam und hatte eine klare Empfehlung.

Die Auffahrten auf die Fähre seien recht steil, erklärte er, und es bestehe die Gefahr, dass wir mit dem Wohnmobil aufsetzen könnten. Er riet uns daher, lieber den längeren Weg um die Bucht herum zu nehmen.

Manchmal ist es sinnvoll, auf die Erfahrung der Einheimischen zu vertrauen. Also drehten wir um, kehrten auf den Cabot Trail zurück und umrundeten die Bucht auf der Straße. Die Umleitung kostete zwar etwas Zeit, ersparte uns aber möglicherweise einen unerfreulichen Zwischenfall.

Wenig später erreichten wir wieder den Trans Canada Highway, dem wir bis in die Nähe unseres Campingplatzes folgten. Dort wurden wir freundlich empfangen. Zusätzlich zu unserem Stellplatz kauften wir noch ein Bündel Feuerholz, das später zusammen mit einer Feuerschale geliefert werden sollte.

Außerdem fiel uns sofort die kleine Minigolfanlage des Campingplatzes ins Auge. Die notwendige Ausrüstung war schnell ausgeliehen, und kurz nachdem Harvey auf seinem Stellplatz stand und an Strom und Wasser angeschlossen war, begann bereits die nächste Partie.

Diesmal verlief das Duell allerdings deutlich weniger ausgeglichen als am Vormittag. Während auf dem Berg noch Gleichstand geherrscht hatte, musste ich mich auf den neun Bahnen des Campingplatzes klar geschlagen geben. Offenbar hatte Nele im Laufe des Tages ihre Minigolftechnik perfektioniert.

Am Abend kehrten wir schließlich zu unserem Stellplatz zurück und entzündeten das Lagerfeuer. Anders als am Vortag spielte das Wetter diesmal mit. So konnten wir bis weit in die Nacht hinein am Feuer sitzen, die Wärme genießen und auf die vergangenen Wochen zurückblicken.

Erst gegen Mitternacht löschten wir die letzten Glutreste und zogen uns ins Wohnmobil zurück.

Wieder lag ein schöner Reisetag hinter uns. Gleichzeitig machte sich langsam das Gefühl bemerkbar, dass das Ende unserer Nova-Scotia-Rundreise näher rückte. Noch waren einige Tage übrig, aber plötzlich begann man, jeden einzelnen davon besonders bewusst zu genießen. Denn die schönsten Reisen haben leider die unangenehme Eigenschaft, viel schneller zu vergehen, als man es gerne hätte.

Nova Scotia 2026 – Tag 19

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht in Chéticamp begann der Tag zunächst ganz entspannt. Direkt neben dem Campingplatz befindet sich das Besucherzentrum des Cape-Breton-Highlands-Nationalparks, und dort zog es uns als Erstes hin. Die Aussicht auf stabiles WLAN war verlockend, doch noch hilfreicher war die ausgesprochen freundliche Mitarbeiterin der Parkverwaltung. Mit viel Geduld erklärte sie uns die schönsten Aussichtspunkte entlang unserer heutigen Strecke und gab einige wertvolle Tipps für den Tag. Damit war die Route schnell festgelegt.

Anschließend ging es noch einmal zurück in den Ort. Nicht nur wir hatten Durst, auch Harvey verlangte nach Nachschub und bekam eine ordentliche Portion Diesel spendiert. Bevor wir endgültig in Richtung Nationalpark aufbrachen, machten wir noch einen kurzen Halt bei einer kleinen Bäckerei, die uns bereits am Vortag aufgefallen war. Der Duft aus dem Laden ließ keine Diskussion zu. Wenige Minuten später verließen wir ihn mit frischen Croissants und Tea Bisquits, bestens ausgerüstet für die kommenden Kilometer.

Kurz darauf begann der eigentliche Höhepunkt des Tages: die Fahrt durch den Nationalpark entlang der Westküste von Cape Breton Island. Der kräftige Wind hatte durchaus seine Vorteile. Schon am ersten Aussichtspunkt zeigte sich der Golf von Sankt Lorenz von seiner wilden Seite. Die Brandung war beeindruckend. Meterhohe Wellen rollten heran, brachen an der Küste und hinterließen schäumende weiße Gischt. Genau für solche Ausblicke fährt man schließlich auf den Cabot Trail.

Auch die folgenden Aussichtspunkte enttäuschten nicht. Hinter beinahe jeder Kurve öffneten sich neue Blicke auf die zerklüftete Küste, die tiefblauen Wasserflächen und die bewaldeten Hänge der Highlands. Den berühmten Skyline Trail ließen wir allerdings aus. Bei dem starken Wind erschien uns eine Wanderung dort wenig reizvoll, außerdem hätte ein Parkplatz im Voraus reserviert werden müssen. Stattdessen genossen wir die Landschaft ganz entspannt von den zahlreichen Viewpoints entlang der Strecke.

Ein besonders schöner Aussichtspunkt bot sich schließlich für unsere Mittagspause an. Mit Blick auf das Meer wurden die am Morgen erstandenen Croissants und Scones verzehrt. Die Bäckerei hatte ganze Arbeit geleistet. Dazu zeigte sich nun auch immer häufiger die Sonne und ließ die Küstenlandschaft in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Hinter dem nördlichen Teil des Nationalparks wendet sich der Cabot Trail nach Osten und durchquert Cape Breton Island in Richtung Atlantik. Damit änderte sich nicht nur die Fahrtrichtung, sondern auch die Perspektive. Aus dem Golf von Sankt Lorenz wurde der offene Atlantik.

In Neil’s Harbour wollten wir lediglich schnell Wasser und Milch einkaufen. Doch schon auf dem Weg zum kleinen Supermarkt entdeckten wir einen Parkplatz direkt am Meer. Gewaltige Wellen schlugen dort gegen die Felsen. Der Plan war sofort klar: Erst einkaufen, dann zurückkommen.

Der Einkauf war in wenigen Minuten erledigt, und wenig später standen wir wieder an der Küste. Mittlerweile hatten auch andere Reisende den Platz entdeckt. Zum Glück war noch genügend Raum für Harvey vorhanden. Die Brandung war beeindruckend. Immer wieder schossen Fontänen aus Gischt in die Höhe, wenn die Wellen auf die Felsküste trafen. Der Atlantik zeigte eindrucksvoll, warum er zu den großen Ozeanen der Welt gehört.

Nach einer Weile fuhren wir noch zum kleinen Leuchtturm von Neil’s Harbour. Auch dort setzte sich das Schauspiel fort. Wind, Wellen und Gischt lieferten eine Naturvorstellung, die man nicht planen kann. Der Atlantik machte an diesem Tag unmissverständlich klar, wozu er fähig ist. Faszinierend war dabei der Kontrast zum kleinen Hafen von Neil’s Harbour. Während draußen die Brandung tobte, lag das Wasser hinter den schützenden Molen relativ glatt da.

Auf dem Weg zu unserem Campingplatz legten wir noch mehrere Stopps an Aussichtspunkten ein. Einer der schönsten befand sich an Green Cove. Vom Parkplatz führt ein kurzer Weg hinaus auf einen vorgelagerten Felsrücken. Der Wind blies dort zwar immer noch kräftig, doch die Aussicht war jede Böe wert. Während wir über das Meer blickten, entdeckten wir sogar einige Robben, die in der Brandung nach ihrem Abendessen jagten.

Fisch stand später auch bei uns auf dem Speiseplan. Glücklicherweise hatten wir in Digby noch Vorräte gekauft und konnten so den Tag kulinarisch passend ausklingen lassen.

Eigentlich wollten wir anschließend noch lange am Lagerfeuer sitzen. Das Wetter hatte jedoch andere Pläne. Immer wieder zogen kurze Regenschauer durch, unterbrochen von kleinen trockenen Fenstern. Wir nutzten jede Gelegenheit und bekamen tatsächlich noch ein schönes Feuer in Gang. Ganz so lange wie an anderen Abenden hielt es diesmal allerdings nicht. Irgendwann gewann das Wetter doch die Oberhand und trieb uns zurück ins Wohnmobil.

Trotzdem war es ein wunderbarer Tag. Vielleicht sogar gerade wegen des Windes. Denn ohne ihn hätten wir die Küste, die Brandung und den Atlantik nie so eindrucksvoll erlebt. Manche Landschaften wirken eben erst dann richtig beeindruckend, wenn die Natur ein wenig mehr Gas gibt.

Nova Scotia 2026 – Tag 18

Der Tag begann mit einem Programmpunkt, auf den ich mich schon seit einiger Zeit gefreut hatte: dem Besuch der Glenora Inn & Distillery. Sie gilt als erste Single-Malt-Whisky-Destillerie Nordamerikas und liegt in einer landschaftlich reizvollen Gegend im Westen von Cape Breton.

Nach unserer Ankunft meldeten wir uns zunächst für eine Führung an. Bis diese begann, blieb noch genügend Zeit für einen Besuch im hauseigenen Pub. Dort bestellte ich einen Whisky-Flight mit fünf verschiedenen Abfüllungen. Die Auswahl reichte von einem sehr jungen Whisky bis hin zu einem 24 Jahre alten Tropfen und bot einen interessanten Einblick in die Entwicklung des Destillats über die Jahre.

Anschließend begann die Führung. Zunächst gab es einen kurzen Film über die Geschichte der Brennerei und ihre Entstehung. Danach ging es in die eigentlichen Produktionsbereiche, wo wir viel über die Herstellung und Lagerung von Whisky erfuhren. Natürlich durfte auch eine weitere Kostprobe nicht fehlen. Diesmal gab es einen zehn Jahre alten Single Malt zu probieren.

Die Führung war ausgesprochen interessant und lohnte sich auf jeden Fall. Bevor wir wieder aufbrachen, schauten wir noch im Souvenirshop vorbei. Dort wanderte schließlich eine Flasche des 15-jährigen Glen Breton sowie zwei Nosing-Gläser in unseren Besitz. Man muss schließlich für die Zeit nach dem Urlaub vorsorgen.

Der zweite Programmpunkt des Tages sollte deutlich weniger gemütlich werden. Unser Ziel waren die Egypt Falls, ein Wasserfall, der in vielen Beschreibungen als leicht erreichbar beschrieben wird. Inzwischen hatte es zwar kurz geregnet, doch der Schauer war weder besonders stark noch besonders lang gewesen. Deshalb machten wir uns guten Mutes auf den Weg. Über eine geschotterte Nebenstraße gelangten wir zu einem kleinen Parkplatz, von dem ein Schild den Weg zu den Wasserfällen wies. Der Wanderweg wurde in mehreren Beschreibungen als „einfach“ bezeichnet. Außerdem war von etwa 90 Metern Höhenunterschied die Rede.

Rückblickend würden wir sagen: Beide Angaben waren ausgesprochen kreativ ausgelegt.

Der Weg erwies sich schnell eher als Waldpfad denn als Wanderweg. Wurzeln und Steine bildeten einen natürlichen Hindernisparcours, dazu wurde der Pfad zunehmend steiler. Durch den vorherigen Regen war der Boden stellenweise rutschig, sodass wir aufmerksam jeden Schritt setzen mussten. Unterwegs begegneten uns immer wieder Wanderer. Einige kamen uns bereits vom Wasserfall entgegen, andere überholten uns mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Wir hingegen waren damit beschäftigt, den Weg überhaupt anständig zu bewältigen.

Irgendwann, gefühlt etwa hundert Meter unterhalb des Parkplatzes, tauchten endlich Holztreppen auf. Diese waren zumindest sicher zu begehen. Sofort wurden Erinnerungen an den Balancing Rock wach. Auch dort hatten wir gelernt, dass der Weg nach unten oft deutlich länger wirkt als in den Angaben auf irgendeinem Schild.

Als wir schließlich unten ankamen, waren die Mühen allerdings schnell vergessen. Die Egypt Falls präsentierten sich als beeindruckender Wasserfall inmitten einer wunderschön bewaldeten Schlucht. Das Wasser stürzte breit über die Felsen hinab und bot genau die Kulisse, die man sich von einem solchen Ort erhofft. Leider hatten auch zahlreiche andere Besucher die Schönheit des Wasserfalls entdeckt. Einige von ihnen schienen weniger am Wasserfall als an sich selbst interessiert zu sein. Vor den Fällen wurden ausgiebig Posen eingenommen, Arme ausgestreckt, Blicke in die Ferne gerichtet und sorgfältig darauf geachtet, dass jede Aufnahme möglichst Instagram-tauglich wirkte. Das Problem dabei war nur, dass diese Personen regelmäßig genau dort standen, wo eigentlich der Wasserfall hätte sein sollen. Mit etwas Geduld gelangen dennoch einige schöne Fotos, sodass wir den Rückweg schließlich antreten konnten.

Und damit begann der anstrengende Teil. Was auf dem Hinweg hinuntergeführt hatte, musste nun zwangsläufig auch wieder hinauf führen. Zwar ging das bergauf etwas kontrollierter als die rutschige Passage nach unten, aber die gefühlten tausend Höhenmeter wollten trotzdem bewältigt werden. Irgendwann wurden wir sogar von einigen der eben noch fotografierenden Influencer überholt. Das störte uns allerdings wenig. Wir hatten längst unser eigenes Tempo gefunden. Als wäre der Aufstieg nicht schon Herausforderung genug gewesen, setzte unterwegs erneut Regen ein. Zu diesem Zeitpunkt spielte das allerdings kaum noch eine Rolle. Wir waren ohnehin bereits ordentlich ins Schwitzen geraten. Schließlich erreichten wir den Parkplatz wieder. Nach ungefähr zehntausend bewältigten Höhenmetern, zumindest fühlte es sich so an. Von wegen 90 Meter Höhenunterschied…

Im Wohnmobil mussten wir erst einmal durchatmen. Der Weg hatte uns deutlich mehr abverlangt als erwartet. Gleichzeitig waren wir uns einig, dass sich die Anstrengung gelohnt hatte. Die Egypt Falls gehören ohne Zweifel zu den schönsten Wasserfällen, die wir auf dieser Reise gesehen hatten. Nach einer ausgiebigen Erholungspause fuhren wir weiter nach Chéticamp, welches wieder akadisch geprägt war.

Der Campingplatz lag direkt hinter dem westlichen Eingang im Cape-Breton-Highlands-Nationalpark. Der Platz gefiel uns sofort. Lediglich der Wasseranschluss erwies sich als wenig hilfreich, da die entsprechende Grube vollständig unter Wasser stand. Strom war jedoch vorhanden, und das nächste Waschhaus lag praktisch direkt neben unserem Stellplatz. Am Abend übernahm ich die Küche und bereitete uns ein leckeres Abendessen zu. Danach wurde das Lagerfeuer angezündet. Während die Dunkelheit langsam über den Campingplatz zog, saßen wir am Feuer, unterhielten uns und ließen den Tag Revue passieren. Erst kurz vor Mitternacht wurde es Zeit, die letzten Glutreste zu beobachten und schließlich ins Wohnmobil zu verschwinden.

So endete ein anstrengender, aber wunderschöner Tag. Mit gutem Whisky, einem beeindruckenden Wasserfall und genügend Höhenmetern, um vermutlich auch einen kleinen Berg zu erklimmen, hatte Cape Breton wieder einmal bewiesen, dass Entfernungs- und Höhenangaben manchmal eher als grobe Empfehlung zu verstehen sind.

Nova Scotia 2026 - Tag 17

Nach einer ruhigen Nacht in Truro stand an diesem Morgen vor allem eines auf dem Programm: Kilometer machen. Unser Ziel war Inverness an der Westküste von Cape Breton Island. Also folgten wir zunächst dem Trans-Canada Highway Richtung Osten.

Die Fahrt verlief entspannt und ohne größere Zwischenstopps bis nach Antigonish. Dort legten wir bei Tim Hortons eine kleine Mittagspause ein. Anschließend nutzten wir die Gelegenheit, uns noch die Saint Ninian Cathedral anzusehen. Die imposante Kirche zählt zu den bekanntesten Bauwerken der Stadt und beeindruckte uns mit ihrer Architektur ebenso wie mit ihrer ruhigen Atmosphäre.

Von dort ging es durch das Gelände der St. Francis Xavier University zurück auf den Highway. Wenig später näherten wir uns einem Ort, auf den wir uns schon gefreut hatten: dem Übergang nach Cape Breton Island.

Über den Canso Causeway, den Damm mit seiner Drehbrücke, erreichten wir die Insel. Eigentlich ist Cape Breton zwar durch den Kanal vom Festland getrennt, durch den Causeway fühlt sich die Überfahrt dennoch ein wenig wie eine symbolische Ankunft an. Hinter uns lag das Festland von Nova Scotia, vor uns warteten die Landschaften, von denen so viele Reisende schwärmen.

Kurz nach der Brücke entdeckten wir einen Andenkenshop mit schönem Blick auf den Causeway. Eigentlich wollten wir nur kurz für ein Foto anhalten. Doch wie das bei solchen Souvenirgeschäften manchmal ist: Aus dem Blick von außen wurde ein kurzer Rundgang im Inneren. Am Ende verließ ich den Laden nicht nur mit einem Foto, sondern auch mit einem neuen T-Shirt.

Danach fuhren wir quer durch den südlichen Teil von Cape Breton weiter Richtung Inverness. Die Landschaft blieb ländlich, die Straßen waren ohne starken Verkehr und das Meer rückte langsam wieder näher.

Am Campingplatz erwartete uns schließlich ein echter Glücksgriff. Der am Abend vorher gebuchte Stellplatz hatte freiem Blick auf den Golf von Sankt Lorenz. Solche Plätze sind genau die Momente, in denen man sich freut, rechtzeitig angekommen zu sein.

Natürlich zog es uns nach dem Einrichten sofort an den Strand. Ein Spaziergang am Wasser gehörte praktisch zum Pflichtprogramm. Die Küste präsentierte sich von ihrer eindrucksvollen Seite: kräftiger Wind, hohe Wellen und ein weiter Blick über das Meer. Es war einer dieser Orte, an denen man einfach stehen bleibt und eine Weile hinausblickt.

Auf dem Rückweg führte unser Weg über Teile des benachbarten Golfplatzes zurück zum Campingplatz. Die gepflegten Fairways, das Meer im Hintergrund und das warme Licht des Nachmittags sorgten für eine besonders schöne Atmosphäre.

Nach dem Abendessen konnten wir endlich wieder ein Lagerfeuer anzünden. Während die Flammen langsam höher wurden, ließ der Wind etwas nach, und wir saßen noch lange draußen. Das Knistern des Feuers, der Blick aufs Meer und die ersten Stunden auf Cape Breton bildeten einen gelungenen Abschluss des Tages.

So endete ein eher unspektakulärer Fahrtag, der sich am Ende doch als einer der besonders schönen erwies. Manchmal braucht es keine großen Attraktionen, sondern nur einen guten Stellplatz, das Meer vor der Tür und ein Lagerfeuer unter freiem Himmel.

Nova Scotia 2026 - Tag 16

Nach dem Frühstück hieß es Abschied nehmen von Lunenburg. Unser Ziel lag auf der anderen Seite von Nova Scotia, dort, wo die gewaltigen Gezeiten der Bay of Fundy ihre ganze Kraft entfalten: das Minas Basin und die Cobequid Bay.

Die Strecke führte uns zunächst nach Windsor. Dort waren wir bereits an unserem zweiten Reisetag durchgekommen, sodass unterwegs immer wieder Erinnerungen an die ersten Stunden unserer Nova-Scotia-Runde aufkamen. Je näher wir der Bay of Fundy kamen, desto häufiger tauchten auch die typischen Acadian Dykelands auf. Die eingedeichten Salzwiesen hatten wir bereits in Grand-Pré kennengelernt, und nun begleiteten sie uns wieder über viele Kilometer.

Statt der schnellsten Route entschieden wir uns für die kleine Küstenstraße entlang des Minas Basin. Immer wieder öffneten sich schöne Ausblicke über das breite Becken der Bay of Fundy. Das Wasser wirkte friedlich, doch inzwischen wir wussten, welche gewaltigen Kräfte hier zweimal täglich am Werk sind.

Unser Ziel war der Burntcoat Head Park. Der Park selbst ist eher klein, doch er liegt an einem der Orte mit dem größten Tidenhub der Welt. Als wir ankamen, herrschte Ebbe. Das Wasser hatte sich weit zurückgezogen und den Meeresboden freigegeben. Einer der typischen „Blumentöpfe“, jene Felsformationen mit einer kleinen Baumgruppe auf ihrer Spitze, war trockenen Fußes erreichbar.

Wie viele andere Besucher nutzten wir die Gelegenheit, direkt auf dem Grund des Meeres spazieren zu gehen. Kaum vorstellbar, dass hier normalerweise rund zehn Meter Wasser stehen. Während wir über den schlammigen Untergrund liefen, konnten wir bereits beobachten, wie sich die Flut langsam wieder näherte. Das Wasser kam nicht dramatisch oder spektakulär, sondern ganz ruhig und stetig. Gerade das machte den Eindruck so nachhaltig.

Irgendwann machten wir uns auf den Rückweg, bevor uns die Flut zu sehr einholte. Noch an den Stufen hinab zum Meer stand zunächst eine weniger romantische, aber durchaus notwendige Aufgabe an: den gröbsten Schmutz von den Schuhen entfernen. Der Fundy-Schlamm ist bekannt dafür, hartnäckig zu sein, und wir konnten bestätigen, dass dieser Ruf völlig berechtigt ist.

Anschließend schauten wir uns noch das kleine Museum im Leuchtturm an. Es erzählt die Geschichte der Region, der Gezeiten und der Menschen, die seit Generationen mit ihnen leben. Danach gab es am Wohnmobil eine entspannte Mittagspause, bevor wir die Reise fortsetzten.

Kurz vor Truro entdeckten wir dann beinahe zufällig eine weitere Besonderheit der Region. Eigentlich wären wir fast am Tidal Bore Interpretive Centre vorbeigefahren. Nach einem schnellen Blick auf das Schild folgte eine spontane Wende, und wenig später standen wir auf dem Aussichtspunkt, der auf den Resten einer ehemaligen Eisenbahnbrücke angelegt wurde.

Hier konnten wir beobachten, wie die auflaufende Flut das Wasser des Flusses umkehrt und flussaufwärts drückt. Ein seltsamer Anblick. Eigentlich erwartet man, dass ein Fluss immer dem Meer entgegenströmt. An der Cobequid Bay hingegen gelten für einige Zeit ganz andere Regeln. Die Flut ist hier so mächtig, dass sie den Fluss einfach in die Gegenrichtung schiebt.

Bei den folgenden Bildern ist zu beachten, dass die Mündung des Flusses links liegt!

Nach diesem faszinierenden Naturschauspiel ging es schließlich weiter nach Truro zum KOA-Campingplatz. Der Platz bot alles, was man für eine ruhige Nacht braucht. Nur eines fehlte: ein Lagerfeuer. Wir waren einfach zu spät angekommen, um noch Holz für ein Feuer zu erwerben. Dafür waren die Mücken zahlreich vertreten und offenbar der Meinung, dass wir lange genug unterwegs gewesen waren und nun als Abendessen dienen könnten.

So endete ein Tag, an dem wir gleich zweimal erleben durften, welche außergewöhnliche Kraft die Gezeiten der Bay of Fundy besitzen. Erst auf dem freiliegenden Meeresboden von Burntcoat Head und später an einem Fluss, der sich kurzerhand dazu überreden ließ, bergauf zu fließen.

Nova Scotia 2026 - Tag 15

Nach dem Frühstück stand zunächst etwas ganz Alltägliches auf dem Programm: Vorräte auffüllen. Auch auf einer Traumreise durch Nova Scotia kommt irgendwann der Moment, an dem Kühlschrank und Vorratsschrank daran erinnern, dass sie nicht von maritimer Romantik allein leben können. Und die deusch-schweizerische Vergangenheit lässt sich auch im Supermarkt erkennen.

Anschließend brachten wir das Wohnmobil zurück zum Campingplatz und machten uns zu Fuß auf den Weg nach Lunenburg. Viel laufen mussten wir nicht, denn der historische Stadtkern liegt praktisch vor der Haustür.

Unser erster ungeplanter Zwischenstopp wurde direkt zum Erfolg. Die Ironworks Distillery lag auf dem Weg, und weil man an einer Destillerie schlecht vorbeigehen kann, ohne wenigstens einen Blick hineinzuwerfen, gingen wir kurzerhand hinein. Aus dem Blick wurde eine Verkostung von Rum, Gin und Whisky. Alles sehr überzeugend, aber irgendwo mussten wir Grenzen ziehen. Am Ende durften deshalb lediglich zwei Flaschen Rum mit uns nach Hause reisen. Man könnte sagen: eine vernünftige und ausgewogene Entscheidung.

Von dort ging es weiter zur Waterfront. Gleich zu Beginn entdeckten wir eine kleine Werft, auf der Dories gebaut wurden. Diese traditionellen Fischerboote gehören seit Jahrhunderten zum Leben an der Atlantikküste und wurden bereits von den Akadiern genutzt. Einfach gebaut, leicht und robust, waren sie für viele Fischer das ideale Arbeitsgerät.

Am nächsten Kai lagen mehrere Fischerboote und Trawler festgemacht. Ihr Zustand bewegte sich irgendwo zwischen „viel erlebt“, „liebevoll genutzt“ und „ist das noch ein Boot oder bereits maritime Kunstinstallation?“. Gerade diese Mischung machte jedoch den Charme aus. Perfekt restaurierte Yachten gibt es vielerorts. Echte Arbeitsboote mit Narben, Rostflecken und Charakter erzählen dagegen Geschichten.

Wir schlenderten weiter entlang des Hafens und schauten beim Fischereimuseum vorbei. Das Museum selbst ließen wir für diesen Tag aus, der Andenkenshop hingegen wurde gründlich untersucht. Das Ergebnis war ein neues T-Shirt für mich. Nele ging zunächst leer aus, was natürlich sofort eine neue Mission entstehen ließ: Nun musste irgendwo in Lunenburg auch noch ein passendes Shirt für sie gefunden werden.

Also verließen wir die Waterfront und erkundeten die Straßen der Altstadt. Die farbenfrohen Holzhäuser, die steilen Straßen und die liebevoll gepflegten Fassaden machten schnell deutlich, warum Lunenburg zum UNESCO-Welterbe gehört. Gegründet wurde die Stadt im Jahr 1753 von überwiegend deutschen und schweizerischen, protestantischen Siedlern. Viele Familiennamen und historische Spuren dieser Einwanderer sind bis heute präsent.

Die Suche nach einem T-Shirt erwies sich allerdings schwieriger als erwartet. Entweder befanden sich hinter den Türen hauptsächlich Restaurants oder die Geschäfte hatten bereits geschlossen. Selbst bei der Shipwright Brewing Company war der letzte Ausschank des Tages schon erfolgt. Der freundliche Hinweis lautete, wir könnten ja das Restaurant nebenan ausprobieren. Das notierten wir uns für später und setzten unseren Spaziergang fort.

Zwischendurch wollten wir noch eine etwas ungewöhnliche Sehenswürdigkeit finden: ein Stück der Berliner Mauer. Auf dem Stadtplan war der Standort eher grob markiert, vor Ort jedoch nichts zu entdecken. Erst nachdem wir in einem kleinen Geschäft nachgefragt hatten, erhielten wir die richtige Auskunft. Das Mauerstück befand sich praktisch direkt um die Ecke bei der Royal Canadian Legion.

Dort angekommen fanden wir tatsächlich ein Fragment der Berliner Mauer. Spektakulär groß oder besonders inszeniert war es nicht. Trotzdem hatte es etwas Merkwürdiges und Faszinierendes, ein Stück deutscher Geschichte ausgerechnet hier in Nova Scotia zu entdecken. In einer Stadt, die selbst von deutschen und schweizerischen Einwanderern gegründet wurde, wirkte dieser Steinblock fast wie ein unerwarteter Besucher aus der alten Heimat.

Da wir ohnehin gerade in der Gegend waren, schauten wir auch noch bei der St. John’s Anglican Church vorbei. Die Kirche gilt als eines der Wahrzeichen der Stadt. Leider war sie bereits geschlossen. Noch interessanter ist ihre Geschichte: Das ursprüngliche Gebäude wurde bei einem Brand schwer beschädigt und später originalgetreu wieder aufgebaut. Von außen war jedenfalls gut zu erkennen, warum sie als eines der schönsten Bauwerke Lunenburgs gilt.

Mittlerweile meldete sich erneut der Hunger, also kehrten wir zur Waterfront zurück. Im Dockside Lobster & Seafood Restaurant mussten wir zunächst etwas auf einen Platz warten, wurden dafür aber mit einem Tisch auf der kleinen Terrasse direkt am Hafen belohnt. Während vor uns Fischerboote im Wasser schaukelten, konnten wir uns ganz auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren: Abendessen.

Nele entschied sich für das Seafood Feast, eine beeindruckende Platte mit Fisch, Scallops, Muscheln, Garnelen und sogar einer Hummerschere als krönendem Abschluss. Ich blieb bei Surf and Turf, also Steak und einem halben Hummer. Beide Gerichte waren ausgezeichnet, reichlich und überraschend preiswert für das, was auf den Tellern lag. Manchmal passt einfach alles: Aussicht, Essen und Atmosphäre.

Als wir schließlich den Rückweg zum Campingplatz antraten, war es bereits dunkel. Die Sonne hatte sich längst verabschiedet, die meisten Geschäfte waren geschlossen, und nur vereinzelt fiel noch Licht aus Fenstern und Restaurants auf die Gehwege. Lunenburg wirkte dadurch fast noch gemütlicher als am Tag. Nach einem ausgezeichneten Abendessen, einigen Kilometern Stadtspaziergang und erfolgreicher Einkaufssuche ging ein rundum gelungener Tag zu Ende.

Wobei „erfolgreiche Einkaufssuche“ natürlich das eigentliche Stichwort ist: Für Nele haben wir am Ende tatsächlich noch ein schönes T-Shirt gefunden. Damit waren alle Tagesziele erreicht, selbst die, von denen wir morgens noch nichts wussten.

Nova Scotia 2026 - Tag 14

Der Regen hatte in der Nacht endlich aufgehört. Allerdings war eine Menge Wasser heruntergekommen. Auf dem Campingplatz hatten sich an mehreren Stellen regelrechte kleine Seen gebildet, die von den nächtlichen Regenfällen zeugten.

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg. Während die Wolken am Morgen noch recht dicht waren, wurde das Wetter im Laufe des Tages immer freundlicher. Für uns ging es weiter entlang der Küste auf der Lighthouse Route, einer der schönsten Straßen der Provinz.

Unser erster Halt war Shelburne, eine kleine Hafenstadt mit einer überraschend großen Geschichte. Wir parkten direkt an der Waterfront und gingen zunächst ein Stück durch den Ort. Dabei erzählte ich Nele von den Menschen, denen Shelburne seine Existenz verdankt: den Loyalisten. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs standen nicht alle Kolonisten auf der Seite der Revolutionäre. Viele blieben dem britischen König treu. Als die Briten den Krieg verloren, mussten zahlreiche dieser Loyalisten ihre Heimat verlassen und suchten Zuflucht in den verbliebenen britischen Gebieten Nordamerikas. Einer der wichtigsten Ankunftsorte war Shelburne. 1783 trafen innerhalb weniger Monate Tausende Neuankömmlinge hier ein. Für kurze Zeit war Shelburne sogar größer als Halifax. Wo heute Möwen über dem Hafen kreisen, herrschte damals ein riesiges Chaos aus Schiffen, Zelten und provisorischen Unterkünften. Doch die große Boomtown hielt nicht lange durch. Viele Versprechungen der britischen Regierung erfüllten sich nur teilweise, Arbeit war knapp, die Winter hart und zahlreiche Siedler zogen schon wenige Jahre später wieder weiter. Besonders bewegend ist die Geschichte der sogenannten Black Loyalists. Ehemalige Sklaven und freie Schwarze hatten für die Briten gearbeitet und waren dafür mit dem Versprechen von Freiheit nach Nova Scotia gekommen. Doch auch hier wurden viele von ihnen benachteiligt. Einige gründeten später sogar die Stadt Freetown im heutigen Sierra Leone. Während wir durch die ruhigen Straßen gingen, fiel es schwer, sich vorzustellen, dass dieser beschauliche Ort einst zu den größten Siedlungen Nordamerikas gehörte. Unser Spaziergang führte uns zu den Museen der Stadt. Da aber Montag war, standen wir wie so oft in den vergangenen Tagen vor verschlossenen Türen. Also schauten wir uns noch die ehemaligen Bootsbaubetriebe am Hafen an, die heute teilweise als Yachthafen genutzt werden.

Danach ging es weiter Richtung Lockeport. Für die Mittagspause hatten wir uns einen ganz besonderen Ort ausgesucht: den Crescent Beach. Der Strand gehört zu den bekanntesten in Nova Scotia. Die lange Sandzunge verbindet das Festland mit Lockeport und war sogar auf der kanadischen 50-Dollar-Note von 1954 zu sehen. Am Ende des Strandes stellten wir Harvey auf dem kleinen Parkplatz so ab, dass wir beim Mittagessen direkt auf den Strand und das aufgewühlte Meer blicken konnten. Besser kann man seine Mittagspause wohl kaum verbringen. Nach dem Essen machten wir noch einen kurzen Spaziergang am Strand, bevor wir unsere Reise fortsetzten.

Der nächste Halt war Liverpool. Schon auf der Fahrt erzählte ich Nele die nächste Geschichte Nova Scotias. Während Shelburne für die Loyalisten steht, war Liverpool einst die Hauptstadt der Freibeuter. Freibeuter waren keine gewöhnlichen Piraten. Sie erhielten von der britischen Krone offizielle Erlaubnisse, feindliche Handelsschiffe aufzubringen. Was für amerikanische oder französische Seeleute wie Piraterie ausgesehen haben dürfte, war aus britischer Sicht vollkommen legal. Um 1800 entwickelte sich Liverpool zu einer Hochburg dieser Tätigkeit. Die Stadt soll zeitweise mehr bewaffnete Freibeuterschiffe ausgerüstet haben als jede andere Gemeinde im heutigen Kanada. Der dadurch entstandene Wohlstand prägte Liverpool über viele Jahrzehnte. Wir fuhren direkt zum Fort Point Lighthouse. Von dort hatten wir einen wunderschönen Blick über die Bucht. In der Ferne konnten wir sogar einen Seal entdecken, der kurz im Wasser auftauchte. Der Leuchtturm selbst hatte leider ebenfalls geschlossen. Montag eben. Trotzdem war der Besuch lohnend, allein schon wegen der Aussicht und der schönen Lage direkt am Wasser.

Später ging es dann weiter Richtung Lunenburg. Dafür wollten wir die kleine Fähre bei LaHave nutzen. Hier wartete die dritte Geschichte des Tages. Heute wirkt LaHave wie ein verschlafener Ort am Fluss. Tatsächlich gehörte die Gegend jedoch zu den ältesten französischen Siedlungsgebieten in Nova Scotia. Bereits 1632 gründete Isaac de Razilly hier eine befestigte Ansiedlung. Für einige Jahre war LaHave sogar das Zentrum der französischen Kolonie Acadia, lange bevor Halifax überhaupt existierte. Nach Razillys frühem Tod verlagerte sich das politische Zentrum nach Port Royal, dem heutigen Annapolis Royal. LaHave verlor seine Bedeutung und entwickelte sich zu einer kleinen Flussgemeinde. Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Ort bis heute seinen ruhigen Charakter bewahren konnte.

Als wir die Fähre erreichten, legte sie gerade an. Der Fährmann gab uns zunächst ein Zeichen zu warten, während der Kapitän das Schiff noch einmal leicht versetzte. Wenige Augenblicke später konnten auch wir auffahren. Die Überfahrt dauerte nur wenige Minuten, gehört aber zu den kleinen Erlebnissen, die eine Küstenreise durch Nova Scotia so besonders machen.

Von dort war es nicht mehr weit bis nach Lunenburg, wo wir unseren Campingplatz für die kommenden Tage bezogen. Am Abend kamen schließlich die in Digby gekauften Jakobsmuscheln auf den Tisch. Die Digby Scallops waren hervorragend und eine mehr als würdige Erinnerung an unseren Aufenthalt an der Bay of Fundy. Später schauten wir noch einen Film und ließen den Tag gemütlich ausklingen.

Drei Orte, drei sehr unterschiedliche Geschichten und wieder einmal die Erkenntnis, dass Nova Scotia weit mehr ist als Leuchttürme und schöne Küstenstraßen. Hinter vielen Orten verbergen sich Geschichten von Menschen, die gekommen, geblieben, weitergezogen oder wieder verschwunden sind. Genau das macht das Reisen hier so interessant.

Nova Scotia 2026 - Tag 13

Heute wollten wir ganz nach Süden. Als wir morgens aus dem Camper schauten, begrüßte uns noch strahlender Sonnenschein. Die Bedingungen hätten kaum besser sein können, also machten wir uns nach dem Frühstück auf den Weg nach Cape Sable Island, der südlichsten Ecke von Nova Scotia.

Unser erster kurzer Halt war der Drinking Brook Park, wo wir ein paar Fotos machten und die morgendliche Ruhe genossen.

Danach ging es weiter zum South Side Beach. Der breite Sandstrand präsentierte sich von seiner schönsten Seite. Während wir am Wasser entlangspazierten und die frische Meeresluft genossen, entdeckten wir sogar einen Seelöwen. Solche Begegnungen machen einen Strandspaziergang gleich noch ein wenig besonderer.

Langsam zogen jedoch Wolken auf. Der Wetterbericht versprach zwar einen trockenen Tag, aber der blaue Himmel wurde zunehmend von einer grauen Wolkendecke verdrängt.

Nach einiger Zeit fuhren wir weiter zum nächsten Strand, dem Hawk Beach. Auf der Fahrt dorthin sahen wir einen Baum, wir wussen gar nicht, dass in Nova Scotia die Bojen für die Fischernetze und Hummerkästen auf Bäumen wachsen…

Auch hier führte uns der erste Weg natürlich ans Wasser. Wir machten einige Fotos und ließen uns anschließend auf den typischen kanadischen Muskoka Chairs nieder, die in den Dünen aufgestellt waren. Von dort konnten wir einfach aufs Meer schauen und eine Weile die Seele baumeln lassen.

Irgendwann meldete sich dann doch der Hunger. Am Hawk Veterans Memorial holten wir unsere etwas verspätete Mittagspause nach und genossen die ruhige Atmosphäre.

Für den Rückweg entschieden wir uns bewusst gegen die schnellste Strecke. Stattdessen folgten wir weitgehend dem Lighthouse Trail, der immer wieder schöne Ausblicke auf die Küste bietet und deutlich besser zu einem entspannten Urlaubstag passt als die Schnellstraße.

In Barrington legten wir noch einen kurzen Stopp am Wollmühlenmuseum ein. Leider kamen wir zu spät, das Museum hatte bereits geschlossen.

Also ging es weiter zum Baccaro Point. Dort schauten wir uns den Leuchtturm an, der malerisch an der Küste steht. Direkt daneben befindet sich allerdings eine moderne Küstenradarstation. So nützlich sie auch sein mag, optisch wirkt sie zwischen Meer, Felsen und Leuchtturm ein wenig wie ein Besucher aus einer anderen Welt.

Auf dem Rückweg haben wir dann noch einen Zaun entdeckt, offenbar werden die Bojen nach der Ernte von den Bäumen an Zäunen zum Nachreifen aufgehängt…

Zurück auf dem Campingplatz erwartete uns die nächste Herausforderung des Tages. Heute waren wir die einzigen Gäste auf dem Platz. Gestern waren die Stellplätze für Wohnmobile noch fast vollständig belegt gewesen, jetzt herrschte eine fast schon gespenstische Ruhe. Diese Ruhe wussten allerdings vor allem die Mücken zu schätzen.

Kaum waren wir ausgestiegen, eröffneten sie ihren Angriff auf die neuen Opfer. Kurz darauf begann es jedoch zu regnen. Der Regen vertrieb die Mücken zwar zuverlässig, sorgte allerdings auch dafür, dass wir den Rest des Nachmittags nicht mehr draußen verbringen konnten.

So endete ein ruhiger Tag am südlichsten Punkt Nova Scotias mit grauen Wolken, Regentropfen auf dem Camperdach und der Erkenntnis, dass die Natur manchmal ihre ganz eigene Art hat, Probleme zu lösen: Erst kommen die Mücken. Dann kommt der Regen. Am Ende verlieren irgendwie alle.

Nova Scotia 2026 - Tag 12

Der Tag begann mit dem Cape Forchu Lighthouse. Auf dem Weg dorthin legten wir noch einen kurzen Stopp an einem Aussichtspunkt ein, von dem aus man einen schönen Blick auf Yarmouth und die Bucht hat. Der Leuchtturm selbst war schnell erreicht, ein kurzer Besuch, ein paar Fotos, dann ging es weiter. Unterwegs füllten wir noch Gas auf — bei Home Hardware, das praktischerweise direkt am Weg lag. Auf dem Weg konnten wir einige schöne alte Häuser in Yarmouth sehen.

Danach fuhren wir wie am Vortag wieder bis nach Pubnico und bogen dort auf die Küstenstraße ab, den Lighthouse Trail. Nach kurzer Fahrt erreichten wir Shag Harbour, den Ort des in entsprechenden Kreisen berühmten UFO‑Vorfalls von 1967. Viel zu sehen gibt es dort nicht, aber die Geschichte ist kurios genug, um einen Stopp zu rechtfertigen. Wir trafen einen Fischer, der einfach das schöne Wetter nutzte, um aufs Meer zu schauen. Ein sehr entspannter Moment.

Einige Kilometer weiter besuchten wir das kleine Museum der Shag Harbour UFO Incident Society. Die Ausstellung ist liebevoll gemacht, aber das Fazit bleibt: Nichts Genaues weiß man nicht. Ein sympathischer Ort, der sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Wieder nur eine kurze Fahrt später erreichten wir Captain Kat’s Lobster Shack. Über das Restaurant hatte ich schon bei der Vorbereitung gelesen, besonders über die preisgekrönten Lobster Rolls. Und ja — sie sind wirklich gut. Anständige Portionen, richtig lecker, und ein perfekter Stopp zur (verspäteten) Mittagszeit.

Eigentlich wollten wir danach noch nach Cape Sable Island abbiegen, aber wir waren so satt und das Wetter so schön, dass wir beschlossen, erst einmal zum Campingplatz zu fahren und uns den anzusehen, und zu überlegen, ob wir vielleicht einen Tag länger bleiben. Der Campingplatz lag direkt am Meer, mit weiter Aussicht über die Küste. Nach wenigen Minuten war klar: Wir bleiben.

Bevor die Sonne unterging, machten wir noch einen kurzen Spaziergang durch die Salzwiesen zum steinigen Strand. Das Licht wurde weicher, die Luft ruhiger. Den Sonnenuntergang selbst genossen wir mit einem Glas Wein — ein wunderschöner Moment, der den Tag perfekt abrundete.

Von den Nachbarn und der Betreiberin erfuhren wir später, dass am Morgen Seelöwen in der Nähe gewesen waren, die man vom Campingplatz aus gut sehen konnte. Vielleicht haben wir morgen Glück.

Ein ruhiger, sonniger Tag mit schönen kleinen Abzweigungen — und einem Abend, der lange nachwirkt.

Nova Scotia 2026 - Tag 11

Nach den vielen Fahrten und Wanderungen der vergangenen Tage stand heute nur ein Programmpunkt auf dem Plan: das Village historique acadien de la Nouvelle-Écosse, ein Museumsdorf, das das Leben der Acadier im 19. und frühen 20. Jahrhundert zeigt.

Die Geschichte der Region reicht jedoch deutlich weiter zurück. Französische Siedler lebten bereits seit dem 17. Jahrhundert in dieser Gegend. Hier gründete Baron L’Entremont die erste offizielle Baronie Akadiens. Wie viele andere Acadiers wurden auch die Menschen dieser Region während der Deportationen ab 1755 vertrieben. Anders als die Acadiers von Grand-Pré konnten jedoch viele Familien später in ihre angestammte Heimat zurückkehren. Noch heute trägt hier angeblich jeder vierte Einwohner den Nachnamen L’Entremont.

Schon beim Betreten des Museumsdorfes wurden wir von einem verführerischen Duft aus dem angeschlossenen Café begrüßt. Die Versuchung war groß, aber das musste warten. Zuerst wollten wir das Dorf erkunden.

Gleich am Eingang stand ein kleiner Unterstand, in dem sich eine Kuh mit ihrem Kalb vor den Besuchern versteckte. Emma und Leo schauten nur neugierig aus ihrem Unterstand hervor und beobachteten das Geschehen.

Unser erster Halt war eines der Wohnhäuser. Dort empfing uns eine freundliche Dame in historischer Kleidung mit frisch gebackenen Keksen nach einem alten Rezept. Sie erinnerten geschmacklich ein wenig an Spekulatius und waren ausgesprochen lecker. Natürlich fragte ich sofort nach dem Rezept. Zu meiner Freude versprach sie mir eine Kopie für später.

Zunächst erzählte sie uns jedoch ausführlich vom Leben der Familien, die einst in diesem Haus wohnten. Mehr als zwanzig Menschen, Erwachsene und Kinder, lebten hier unter einem Dach. Heute kaum vorstellbar.

Anschließend schauten wir in der kleinen Poststation vorbei und gingen danach weiter zur Schmiede. Der Schmied erklärte uns anschaulich sein Handwerk und welche Gegenstände früher in einer Dorfschmiede hergestellt wurden. Während wir zuhörten, schmiedete er einen Nagel und versah den Kopf mit unseren Initialen. Ein schönes und sehr persönliches Andenken.

Danach besichtigten wir ein weiteres Wohnhaus, das deutlich kleiner war als das erste. Auch hier wurde uns das Leben der damaligen Bewohner ausführlich erläutert. Genau das machte den Reiz des Museumsdorfes aus: Überall traf man Menschen, die nicht nur etwas vorführten, sondern die Geschichte lebendig werden ließen.

Weiter ging es zum Bootsbauer. Dort erfuhren wir, wie die verschiedenen traditionellen Boote der Acadier gebaut wurden und welche Techniken dabei verwendet wurden. Man konnte sich gut vorstellen, wie wichtig diese Boote für die Fischerei und den Alltag gewesen sein mussten.

Mittlerweile meldete sich der Hunger, also machten wir uns auf den Weg zurück zum Café. Leider waren wir etwas zu spät. Sämtliche Speisen waren bereits ausverkauft. So blieb es bei einem kühlen Getränk und einem netten Gespräch mit den drei Damen hinter dem Tresen.

Als wir wieder hinausgingen, bemerkten wir, dass Emma und Leo inzwischen ihren Unterstand verlassen hatten. Kurz darauf kam ein Mitarbeiter mit einem Handkarren vorbei und brachte den beiden ein kleines Leckerli in Form von Mais und Kraftfutter. Wir kamen ins Gespräch. Er erzählte uns, dass er gleich noch einige Küchenreste für die Schweine holen würde, die in einem anderen Teil des Dorfes untergebracht waren. Später stellte sich heraus, dass der freundliche Herr eigentlich der Radmacher des Dorfes war.

Wir gingen anschließend zurück in Richtung Küste, wo hinter dem Bootsbauer der Fischer auf Besucher wartete. Er berichtete vom Hummerfang, zeigte, wie Netze geknüpft werden, und erzählte allerlei Wissenswertes über die Fischerei. Übrigens trug auch er den Nachnamen L’Entremont. Die Familiengeschichte der Region lebt hier tatsächlich bis heute weiter.

Neben dem Steg lag ein Boot am Wasser, ein weiteres ruhte im Schlick. Gleich daneben wurde in einem kleinen Gebäude Fisch verarbeitet und durch Salzen und Trocknen haltbar gemacht. Wir erfuhren, wie der Fisch früher in kleinen Holzkisten verkauft wurde. Solche Kisten sind übrigens bis heute beliebt und dienen oft zur Aufbewahrung aller möglichen Dinge. Natürlich durften wir auch ein kleines Stück des getrockneten Fisches probieren.

Danach spazierten wir noch zum kleinen Leuchtturm, der selbstverständlich zu einem Fischerdorf dazugehört.

Unser letzter größerer Halt war schließlich beim Radmacher. Er erklärte ausführlich den Aufbau von Wagenrädern und die Unterschiede zwischen den Rädern von Kutschen und denen schwerer Ochsenkarren. Im Grunde waren beide ähnlich aufgebaut, doch die Räder der Ochsenkarren mussten wesentlich robuster sein, da sie deutlich größere Lasten transportierten. Überhaupt spielten Pferde bei den Acadiern nur eine vergleichsweise kleine Rolle. Ochsen waren für viele Aufgaben einfach praktischer und zuverlässiger.

Mittlerweile war es schon nach 16 Uhr, und wir gehörten fast zu den letzten Besuchern des Tages. Also statteten wir noch den Schweinen einen kurzen Besuch ab und machten uns dann auf den Weg zum Ausgang.

Unser Fazit: ein ausgesprochen interessantes Museumsdorf mit engagierten Mitarbeitern, spannenden Vorführungen und vielen Möglichkeiten, ins Gespräch zu kommen. Wer sich für die Geschichte der Acadier interessiert, sollte sich einen Besuch auf keinen Fall entgehen lassen.

Auf dem Rückweg legten wir noch einen kurzen Stopp bei Dennis Wharf ein, das nur wenige Kilometer entfernt liegt. Ein paar Fotos später ging es zurück zum Campingplatz.

Dort wartete am Abend ein weiteres Nova-Scotia-Erlebnis auf uns: unser erstes Bingo-Spiel. Zum Glück setzte sich eine erfahrene Bingospielerin mit an unseren Tisch und erklärte uns geduldig die verschiedenen Spielvarianten und Regeln. Gewonnen haben wir zwar nichts, aber wir hatten jede Menge Spaß. Und genau so sollte es doch sein.

Ohne Lagerfeuer, aber mit vielen schönen Eindrücken vom Tag, ließen wir den Abend schließlich gemütlich ausklingen.