Nova Scotia 2026 – Tag 18

Der Tag begann mit einem Programmpunkt, auf den ich mich schon seit einiger Zeit gefreut hatte: dem Besuch der Glenora Inn & Distillery. Sie gilt als erste Single-Malt-Whisky-Destillerie Nordamerikas und liegt in einer landschaftlich reizvollen Gegend im Westen von Cape Breton.

Nach unserer Ankunft meldeten wir uns zunächst für eine Führung an. Bis diese begann, blieb noch genügend Zeit für einen Besuch im hauseigenen Pub. Dort bestellte ich einen Whisky-Flight mit fünf verschiedenen Abfüllungen. Die Auswahl reichte von einem sehr jungen Whisky bis hin zu einem 24 Jahre alten Tropfen und bot einen interessanten Einblick in die Entwicklung des Destillats über die Jahre.

Anschließend begann die Führung. Zunächst gab es einen kurzen Film über die Geschichte der Brennerei und ihre Entstehung. Danach ging es in die eigentlichen Produktionsbereiche, wo wir viel über die Herstellung und Lagerung von Whisky erfuhren. Natürlich durfte auch eine weitere Kostprobe nicht fehlen. Diesmal gab es einen zehn Jahre alten Single Malt zu probieren.

Die Führung war ausgesprochen interessant und lohnte sich auf jeden Fall. Bevor wir wieder aufbrachen, schauten wir noch im Souvenirshop vorbei. Dort wanderte schließlich eine Flasche des 15-jährigen Glen Breton sowie zwei Nosing-Gläser in unseren Besitz. Man muss schließlich für die Zeit nach dem Urlaub vorsorgen.

Der zweite Programmpunkt des Tages sollte deutlich weniger gemütlich werden. Unser Ziel waren die Egypt Falls, ein Wasserfall, der in vielen Beschreibungen als leicht erreichbar beschrieben wird. Inzwischen hatte es zwar kurz geregnet, doch der Schauer war weder besonders stark noch besonders lang gewesen. Deshalb machten wir uns guten Mutes auf den Weg. Über eine geschotterte Nebenstraße gelangten wir zu einem kleinen Parkplatz, von dem ein Schild den Weg zu den Wasserfällen wies. Der Wanderweg wurde in mehreren Beschreibungen als „einfach“ bezeichnet. Außerdem war von etwa 90 Metern Höhenunterschied die Rede.

Rückblickend würden wir sagen: Beide Angaben waren ausgesprochen kreativ ausgelegt.

Der Weg erwies sich schnell eher als Waldpfad denn als Wanderweg. Wurzeln und Steine bildeten einen natürlichen Hindernisparcours, dazu wurde der Pfad zunehmend steiler. Durch den vorherigen Regen war der Boden stellenweise rutschig, sodass wir aufmerksam jeden Schritt setzen mussten. Unterwegs begegneten uns immer wieder Wanderer. Einige kamen uns bereits vom Wasserfall entgegen, andere überholten uns mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Wir hingegen waren damit beschäftigt, den Weg überhaupt anständig zu bewältigen.

Irgendwann, gefühlt etwa hundert Meter unterhalb des Parkplatzes, tauchten endlich Holztreppen auf. Diese waren zumindest sicher zu begehen. Sofort wurden Erinnerungen an den Balancing Rock wach. Auch dort hatten wir gelernt, dass der Weg nach unten oft deutlich länger wirkt als in den Angaben auf irgendeinem Schild.

Als wir schließlich unten ankamen, waren die Mühen allerdings schnell vergessen. Die Egypt Falls präsentierten sich als beeindruckender Wasserfall inmitten einer wunderschön bewaldeten Schlucht. Das Wasser stürzte breit über die Felsen hinab und bot genau die Kulisse, die man sich von einem solchen Ort erhofft. Leider hatten auch zahlreiche andere Besucher die Schönheit des Wasserfalls entdeckt. Einige von ihnen schienen weniger am Wasserfall als an sich selbst interessiert zu sein. Vor den Fällen wurden ausgiebig Posen eingenommen, Arme ausgestreckt, Blicke in die Ferne gerichtet und sorgfältig darauf geachtet, dass jede Aufnahme möglichst Instagram-tauglich wirkte. Das Problem dabei war nur, dass diese Personen regelmäßig genau dort standen, wo eigentlich der Wasserfall hätte sein sollen. Mit etwas Geduld gelangen dennoch einige schöne Fotos, sodass wir den Rückweg schließlich antreten konnten.

Und damit begann der anstrengende Teil. Was auf dem Hinweg hinuntergeführt hatte, musste nun zwangsläufig auch wieder hinauf führen. Zwar ging das bergauf etwas kontrollierter als die rutschige Passage nach unten, aber die gefühlten tausend Höhenmeter wollten trotzdem bewältigt werden. Irgendwann wurden wir sogar von einigen der eben noch fotografierenden Influencer überholt. Das störte uns allerdings wenig. Wir hatten längst unser eigenes Tempo gefunden. Als wäre der Aufstieg nicht schon Herausforderung genug gewesen, setzte unterwegs erneut Regen ein. Zu diesem Zeitpunkt spielte das allerdings kaum noch eine Rolle. Wir waren ohnehin bereits ordentlich ins Schwitzen geraten. Schließlich erreichten wir den Parkplatz wieder. Nach ungefähr zehntausend bewältigten Höhenmetern, zumindest fühlte es sich so an. Von wegen 90 Meter Höhenunterschied…

Im Wohnmobil mussten wir erst einmal durchatmen. Der Weg hatte uns deutlich mehr abverlangt als erwartet. Gleichzeitig waren wir uns einig, dass sich die Anstrengung gelohnt hatte. Die Egypt Falls gehören ohne Zweifel zu den schönsten Wasserfällen, die wir auf dieser Reise gesehen hatten. Nach einer ausgiebigen Erholungspause fuhren wir weiter nach Chéticamp, welches wieder akadisch geprägt war.

Der Campingplatz lag direkt hinter dem westlichen Eingang im Cape-Breton-Highlands-Nationalpark. Der Platz gefiel uns sofort. Lediglich der Wasseranschluss erwies sich als wenig hilfreich, da die entsprechende Grube vollständig unter Wasser stand. Strom war jedoch vorhanden, und das nächste Waschhaus lag praktisch direkt neben unserem Stellplatz. Am Abend übernahm ich die Küche und bereitete uns ein leckeres Abendessen zu. Danach wurde das Lagerfeuer angezündet. Während die Dunkelheit langsam über den Campingplatz zog, saßen wir am Feuer, unterhielten uns und ließen den Tag Revue passieren. Erst kurz vor Mitternacht wurde es Zeit, die letzten Glutreste zu beobachten und schließlich ins Wohnmobil zu verschwinden.

So endete ein anstrengender, aber wunderschöner Tag. Mit gutem Whisky, einem beeindruckenden Wasserfall und genügend Höhenmetern, um vermutlich auch einen kleinen Berg zu erklimmen, hatte Cape Breton wieder einmal bewiesen, dass Entfernungs- und Höhenangaben manchmal eher als grobe Empfehlung zu verstehen sind.