Nova Scotia 2026 - Tag 16

Nach dem Frühstück hieß es Abschied nehmen von Lunenburg. Unser Ziel lag auf der anderen Seite von Nova Scotia, dort, wo die gewaltigen Gezeiten der Bay of Fundy ihre ganze Kraft entfalten: das Minas Basin und die Cobequid Bay.

Die Strecke führte uns zunächst nach Windsor. Dort waren wir bereits an unserem zweiten Reisetag durchgekommen, sodass unterwegs immer wieder Erinnerungen an die ersten Stunden unserer Nova-Scotia-Runde aufkamen. Je näher wir der Bay of Fundy kamen, desto häufiger tauchten auch die typischen Acadian Dykelands auf. Die eingedeichten Salzwiesen hatten wir bereits in Grand-Pré kennengelernt, und nun begleiteten sie uns wieder über viele Kilometer.

Statt der schnellsten Route entschieden wir uns für die kleine Küstenstraße entlang des Minas Basin. Immer wieder öffneten sich schöne Ausblicke über das breite Becken der Bay of Fundy. Das Wasser wirkte friedlich, doch inzwischen wir wussten, welche gewaltigen Kräfte hier zweimal täglich am Werk sind.

Unser Ziel war der Burntcoat Head Park. Der Park selbst ist eher klein, doch er liegt an einem der Orte mit dem größten Tidenhub der Welt. Als wir ankamen, herrschte Ebbe. Das Wasser hatte sich weit zurückgezogen und den Meeresboden freigegeben. Einer der typischen „Blumentöpfe“, jene Felsformationen mit einer kleinen Baumgruppe auf ihrer Spitze, war trockenen Fußes erreichbar.

Wie viele andere Besucher nutzten wir die Gelegenheit, direkt auf dem Grund des Meeres spazieren zu gehen. Kaum vorstellbar, dass hier normalerweise rund zehn Meter Wasser stehen. Während wir über den schlammigen Untergrund liefen, konnten wir bereits beobachten, wie sich die Flut langsam wieder näherte. Das Wasser kam nicht dramatisch oder spektakulär, sondern ganz ruhig und stetig. Gerade das machte den Eindruck so nachhaltig.

Irgendwann machten wir uns auf den Rückweg, bevor uns die Flut zu sehr einholte. Noch an den Stufen hinab zum Meer stand zunächst eine weniger romantische, aber durchaus notwendige Aufgabe an: den gröbsten Schmutz von den Schuhen entfernen. Der Fundy-Schlamm ist bekannt dafür, hartnäckig zu sein, und wir konnten bestätigen, dass dieser Ruf völlig berechtigt ist.

Anschließend schauten wir uns noch das kleine Museum im Leuchtturm an. Es erzählt die Geschichte der Region, der Gezeiten und der Menschen, die seit Generationen mit ihnen leben. Danach gab es am Wohnmobil eine entspannte Mittagspause, bevor wir die Reise fortsetzten.

Kurz vor Truro entdeckten wir dann beinahe zufällig eine weitere Besonderheit der Region. Eigentlich wären wir fast am Tidal Bore Interpretive Centre vorbeigefahren. Nach einem schnellen Blick auf das Schild folgte eine spontane Wende, und wenig später standen wir auf dem Aussichtspunkt, der auf den Resten einer ehemaligen Eisenbahnbrücke angelegt wurde.

Hier konnten wir beobachten, wie die auflaufende Flut das Wasser des Flusses umkehrt und flussaufwärts drückt. Ein seltsamer Anblick. Eigentlich erwartet man, dass ein Fluss immer dem Meer entgegenströmt. An der Cobequid Bay hingegen gelten für einige Zeit ganz andere Regeln. Die Flut ist hier so mächtig, dass sie den Fluss einfach in die Gegenrichtung schiebt.

Bei den folgenden Bildern ist zu beachten, dass die Mündung des Flusses links liegt!

Nach diesem faszinierenden Naturschauspiel ging es schließlich weiter nach Truro zum KOA-Campingplatz. Der Platz bot alles, was man für eine ruhige Nacht braucht. Nur eines fehlte: ein Lagerfeuer. Wir waren einfach zu spät angekommen, um noch Holz für ein Feuer zu erwerben. Dafür waren die Mücken zahlreich vertreten und offenbar der Meinung, dass wir lange genug unterwegs gewesen waren und nun als Abendessen dienen könnten.

So endete ein Tag, an dem wir gleich zweimal erleben durften, welche außergewöhnliche Kraft die Gezeiten der Bay of Fundy besitzen. Erst auf dem freiliegenden Meeresboden von Burntcoat Head und später an einem Fluss, der sich kurzerhand dazu überreden ließ, bergauf zu fließen.