Nova Scotia 2026 - Tag 15

Nach dem Frühstück stand zunächst etwas ganz Alltägliches auf dem Programm: Vorräte auffüllen. Auch auf einer Traumreise durch Nova Scotia kommt irgendwann der Moment, an dem Kühlschrank und Vorratsschrank daran erinnern, dass sie nicht von maritimer Romantik allein leben können. Und die deusch-schweizerische Vergangenheit lässt sich auch im Supermarkt erkennen.

Anschließend brachten wir das Wohnmobil zurück zum Campingplatz und machten uns zu Fuß auf den Weg nach Lunenburg. Viel laufen mussten wir nicht, denn der historische Stadtkern liegt praktisch vor der Haustür.

Unser erster ungeplanter Zwischenstopp wurde direkt zum Erfolg. Die Ironworks Distillery lag auf dem Weg, und weil man an einer Destillerie schlecht vorbeigehen kann, ohne wenigstens einen Blick hineinzuwerfen, gingen wir kurzerhand hinein. Aus dem Blick wurde eine Verkostung von Rum, Gin und Whisky. Alles sehr überzeugend, aber irgendwo mussten wir Grenzen ziehen. Am Ende durften deshalb lediglich zwei Flaschen Rum mit uns nach Hause reisen. Man könnte sagen: eine vernünftige und ausgewogene Entscheidung.

Von dort ging es weiter zur Waterfront. Gleich zu Beginn entdeckten wir eine kleine Werft, auf der Dories gebaut wurden. Diese traditionellen Fischerboote gehören seit Jahrhunderten zum Leben an der Atlantikküste und wurden bereits von den Akadiern genutzt. Einfach gebaut, leicht und robust, waren sie für viele Fischer das ideale Arbeitsgerät.

Am nächsten Kai lagen mehrere Fischerboote und Trawler festgemacht. Ihr Zustand bewegte sich irgendwo zwischen „viel erlebt“, „liebevoll genutzt“ und „ist das noch ein Boot oder bereits maritime Kunstinstallation?“. Gerade diese Mischung machte jedoch den Charme aus. Perfekt restaurierte Yachten gibt es vielerorts. Echte Arbeitsboote mit Narben, Rostflecken und Charakter erzählen dagegen Geschichten.

Wir schlenderten weiter entlang des Hafens und schauten beim Fischereimuseum vorbei. Das Museum selbst ließen wir für diesen Tag aus, der Andenkenshop hingegen wurde gründlich untersucht. Das Ergebnis war ein neues T-Shirt für mich. Nele ging zunächst leer aus, was natürlich sofort eine neue Mission entstehen ließ: Nun musste irgendwo in Lunenburg auch noch ein passendes Shirt für sie gefunden werden.

Also verließen wir die Waterfront und erkundeten die Straßen der Altstadt. Die farbenfrohen Holzhäuser, die steilen Straßen und die liebevoll gepflegten Fassaden machten schnell deutlich, warum Lunenburg zum UNESCO-Welterbe gehört. Gegründet wurde die Stadt im Jahr 1753 von überwiegend deutschen und schweizerischen, protestantischen Siedlern. Viele Familiennamen und historische Spuren dieser Einwanderer sind bis heute präsent.

Die Suche nach einem T-Shirt erwies sich allerdings schwieriger als erwartet. Entweder befanden sich hinter den Türen hauptsächlich Restaurants oder die Geschäfte hatten bereits geschlossen. Selbst bei der Shipwright Brewing Company war der letzte Ausschank des Tages schon erfolgt. Der freundliche Hinweis lautete, wir könnten ja das Restaurant nebenan ausprobieren. Das notierten wir uns für später und setzten unseren Spaziergang fort.

Zwischendurch wollten wir noch eine etwas ungewöhnliche Sehenswürdigkeit finden: ein Stück der Berliner Mauer. Auf dem Stadtplan war der Standort eher grob markiert, vor Ort jedoch nichts zu entdecken. Erst nachdem wir in einem kleinen Geschäft nachgefragt hatten, erhielten wir die richtige Auskunft. Das Mauerstück befand sich praktisch direkt um die Ecke bei der Royal Canadian Legion.

Dort angekommen fanden wir tatsächlich ein Fragment der Berliner Mauer. Spektakulär groß oder besonders inszeniert war es nicht. Trotzdem hatte es etwas Merkwürdiges und Faszinierendes, ein Stück deutscher Geschichte ausgerechnet hier in Nova Scotia zu entdecken. In einer Stadt, die selbst von deutschen und schweizerischen Einwanderern gegründet wurde, wirkte dieser Steinblock fast wie ein unerwarteter Besucher aus der alten Heimat.

Da wir ohnehin gerade in der Gegend waren, schauten wir auch noch bei der St. John’s Anglican Church vorbei. Die Kirche gilt als eines der Wahrzeichen der Stadt. Leider war sie bereits geschlossen. Noch interessanter ist ihre Geschichte: Das ursprüngliche Gebäude wurde bei einem Brand schwer beschädigt und später originalgetreu wieder aufgebaut. Von außen war jedenfalls gut zu erkennen, warum sie als eines der schönsten Bauwerke Lunenburgs gilt.

Mittlerweile meldete sich erneut der Hunger, also kehrten wir zur Waterfront zurück. Im Dockside Lobster & Seafood Restaurant mussten wir zunächst etwas auf einen Platz warten, wurden dafür aber mit einem Tisch auf der kleinen Terrasse direkt am Hafen belohnt. Während vor uns Fischerboote im Wasser schaukelten, konnten wir uns ganz auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren: Abendessen.

Nele entschied sich für das Seafood Feast, eine beeindruckende Platte mit Fisch, Scallops, Muscheln, Garnelen und sogar einer Hummerschere als krönendem Abschluss. Ich blieb bei Surf and Turf, also Steak und einem halben Hummer. Beide Gerichte waren ausgezeichnet, reichlich und überraschend preiswert für das, was auf den Tellern lag. Manchmal passt einfach alles: Aussicht, Essen und Atmosphäre.

Als wir schließlich den Rückweg zum Campingplatz antraten, war es bereits dunkel. Die Sonne hatte sich längst verabschiedet, die meisten Geschäfte waren geschlossen, und nur vereinzelt fiel noch Licht aus Fenstern und Restaurants auf die Gehwege. Lunenburg wirkte dadurch fast noch gemütlicher als am Tag. Nach einem ausgezeichneten Abendessen, einigen Kilometern Stadtspaziergang und erfolgreicher Einkaufssuche ging ein rundum gelungener Tag zu Ende.

Wobei „erfolgreiche Einkaufssuche“ natürlich das eigentliche Stichwort ist: Für Nele haben wir am Ende tatsächlich noch ein schönes T-Shirt gefunden. Damit waren alle Tagesziele erreicht, selbst die, von denen wir morgens noch nichts wussten.