Der Regen hatte in der Nacht endlich aufgehört. Allerdings war eine Menge Wasser heruntergekommen. Auf dem Campingplatz hatten sich an mehreren Stellen regelrechte kleine Seen gebildet, die von den nächtlichen Regenfällen zeugten.
Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg. Während die Wolken am Morgen noch recht dicht waren, wurde das Wetter im Laufe des Tages immer freundlicher. Für uns ging es weiter entlang der Küste auf der Lighthouse Route, einer der schönsten Straßen der Provinz.
Unser erster Halt war Shelburne, eine kleine Hafenstadt mit einer überraschend großen Geschichte. Wir parkten direkt an der Waterfront und gingen zunächst ein Stück durch den Ort. Dabei erzählte ich Nele von den Menschen, denen Shelburne seine Existenz verdankt: den Loyalisten. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs standen nicht alle Kolonisten auf der Seite der Revolutionäre. Viele blieben dem britischen König treu. Als die Briten den Krieg verloren, mussten zahlreiche dieser Loyalisten ihre Heimat verlassen und suchten Zuflucht in den verbliebenen britischen Gebieten Nordamerikas. Einer der wichtigsten Ankunftsorte war Shelburne. 1783 trafen innerhalb weniger Monate Tausende Neuankömmlinge hier ein. Für kurze Zeit war Shelburne sogar größer als Halifax. Wo heute Möwen über dem Hafen kreisen, herrschte damals ein riesiges Chaos aus Schiffen, Zelten und provisorischen Unterkünften. Doch die große Boomtown hielt nicht lange durch. Viele Versprechungen der britischen Regierung erfüllten sich nur teilweise, Arbeit war knapp, die Winter hart und zahlreiche Siedler zogen schon wenige Jahre später wieder weiter. Besonders bewegend ist die Geschichte der sogenannten Black Loyalists. Ehemalige Sklaven und freie Schwarze hatten für die Briten gearbeitet und waren dafür mit dem Versprechen von Freiheit nach Nova Scotia gekommen. Doch auch hier wurden viele von ihnen benachteiligt. Einige gründeten später sogar die Stadt Freetown im heutigen Sierra Leone. Während wir durch die ruhigen Straßen gingen, fiel es schwer, sich vorzustellen, dass dieser beschauliche Ort einst zu den größten Siedlungen Nordamerikas gehörte. Unser Spaziergang führte uns zu den Museen der Stadt. Da aber Montag war, standen wir wie so oft in den vergangenen Tagen vor verschlossenen Türen. Also schauten wir uns noch die ehemaligen Bootsbaubetriebe am Hafen an, die heute teilweise als Yachthafen genutzt werden.
Danach ging es weiter Richtung Lockeport. Für die Mittagspause hatten wir uns einen ganz besonderen Ort ausgesucht: den Crescent Beach. Der Strand gehört zu den bekanntesten in Nova Scotia. Die lange Sandzunge verbindet das Festland mit Lockeport und war sogar auf der kanadischen 50-Dollar-Note von 1954 zu sehen. Am Ende des Strandes stellten wir Harvey auf dem kleinen Parkplatz so ab, dass wir beim Mittagessen direkt auf den Strand und das aufgewühlte Meer blicken konnten. Besser kann man seine Mittagspause wohl kaum verbringen. Nach dem Essen machten wir noch einen kurzen Spaziergang am Strand, bevor wir unsere Reise fortsetzten.
Der nächste Halt war Liverpool. Schon auf der Fahrt erzählte ich Nele die nächste Geschichte Nova Scotias. Während Shelburne für die Loyalisten steht, war Liverpool einst die Hauptstadt der Freibeuter. Freibeuter waren keine gewöhnlichen Piraten. Sie erhielten von der britischen Krone offizielle Erlaubnisse, feindliche Handelsschiffe aufzubringen. Was für amerikanische oder französische Seeleute wie Piraterie ausgesehen haben dürfte, war aus britischer Sicht vollkommen legal. Um 1800 entwickelte sich Liverpool zu einer Hochburg dieser Tätigkeit. Die Stadt soll zeitweise mehr bewaffnete Freibeuterschiffe ausgerüstet haben als jede andere Gemeinde im heutigen Kanada. Der dadurch entstandene Wohlstand prägte Liverpool über viele Jahrzehnte. Wir fuhren direkt zum Fort Point Lighthouse. Von dort hatten wir einen wunderschönen Blick über die Bucht. In der Ferne konnten wir sogar einen Seal entdecken, der kurz im Wasser auftauchte. Der Leuchtturm selbst hatte leider ebenfalls geschlossen. Montag eben. Trotzdem war der Besuch lohnend, allein schon wegen der Aussicht und der schönen Lage direkt am Wasser.
Später ging es dann weiter Richtung Lunenburg. Dafür wollten wir die kleine Fähre bei LaHave nutzen. Hier wartete die dritte Geschichte des Tages. Heute wirkt LaHave wie ein verschlafener Ort am Fluss. Tatsächlich gehörte die Gegend jedoch zu den ältesten französischen Siedlungsgebieten in Nova Scotia. Bereits 1632 gründete Isaac de Razilly hier eine befestigte Ansiedlung. Für einige Jahre war LaHave sogar das Zentrum der französischen Kolonie Acadia, lange bevor Halifax überhaupt existierte. Nach Razillys frühem Tod verlagerte sich das politische Zentrum nach Port Royal, dem heutigen Annapolis Royal. LaHave verlor seine Bedeutung und entwickelte sich zu einer kleinen Flussgemeinde. Vielleicht ist genau das der Grund, warum der Ort bis heute seinen ruhigen Charakter bewahren konnte.
Als wir die Fähre erreichten, legte sie gerade an. Der Fährmann gab uns zunächst ein Zeichen zu warten, während der Kapitän das Schiff noch einmal leicht versetzte. Wenige Augenblicke später konnten auch wir auffahren. Die Überfahrt dauerte nur wenige Minuten, gehört aber zu den kleinen Erlebnissen, die eine Küstenreise durch Nova Scotia so besonders machen.
Von dort war es nicht mehr weit bis nach Lunenburg, wo wir unseren Campingplatz für die kommenden Tage bezogen. Am Abend kamen schließlich die in Digby gekauften Jakobsmuscheln auf den Tisch. Die Digby Scallops waren hervorragend und eine mehr als würdige Erinnerung an unseren Aufenthalt an der Bay of Fundy. Später schauten wir noch einen Film und ließen den Tag gemütlich ausklingen.
Drei Orte, drei sehr unterschiedliche Geschichten und wieder einmal die Erkenntnis, dass Nova Scotia weit mehr ist als Leuchttürme und schöne Küstenstraßen. Hinter vielen Orten verbergen sich Geschichten von Menschen, die gekommen, geblieben, weitergezogen oder wieder verschwunden sind. Genau das macht das Reisen hier so interessant.



























